Die Geschichte der Molkerei Hiddestorf

Im letzten Viertel des 19. Jahrhundert revolutionierte die Dampfmaschine, wie viele andere Industrien auch, die Milchwirtschaft. Es entstanden die ersten Molkereien.Während des Nationalsozialismus wurden die hygienischen Vorschriften in der Milchwirtschaft verschärft. Nur noch pasteurisierte Milch durfte in Umlauf gebracht werden. Gleichzeitig entstand das Berufsbild des Molkereimeisters.

In den 1930er-Jahren ist die deutsche Milchwirtschaft grundlegend umstrukturiert worden. Aufgrund der sogenannten Agrarkartellierung wurden alle milchviehhaltenden Höfe dazu gezwungen ihre Milch an eine bestimmte Molkerei innerhalb eines bestimmten Einzugsgebietes abzuliefern. Mit dieser Maßnahme sollte in erster Linie eine autarke Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Fett und Eiweiß im eventuellen Kriegsfall sichergestellt und eine Versorgungskrise wie im 1. Weltkrieg vermieden werden. Die Vermarktung wurde ebenfalls eingeteilt. Dies veränderte sich erst in den 70er Jahren - auf einmal konnte man Weihenstephaner Milch nicht nur in Bayern, sondern auch in Hannover kaufen.

Alte Molkerei von einer Postkarte
Molkerei der Familie Bruhin

vlnr. Arnold und Reinhold Bruhin, die Söhne des Gründers

Die Entstehung der Molkerei Hiddestorf geht bis auf die Zeit um 1900 zurück. Ihr Gründer war der Schweizer Josef Bruhin. 1933 kaufte der bekannte Sahnehändler Gustav Hamer aus Hannover die kleine Molkerei in Hiddestorf. Bei Übernahme der kleinen Molkerei wurde nur Butter und Sahne hergestellt. Die Magermilch ging zu der Zeit als Futtermilch an die Lieferanten zurück.
1939 brach der 2. Weltkrieg aus. Die hannoversche Molkerei Aktiengesellschaft  (MAG) wurde sehr früh teilbombardiert. Um die Versorgung der Bevölkerung sicher zu stellen, wurden die Genossenschaftsmolkereien Wunstorf, Mellendorf, Burgdorf und die Privatmolkerei Hamer vom Staat auf Frischmilchbetriebe umgestellt. Die verantwortlichen Leiter und Besitzer stimmten nur unter der Bedingung zu, dass sie auch nach Kriegsende weiterhin diese Märkte bedienen durften. Diese Zusage sicherte in den Nachkriegsjahren den wirtschaftlichen Erfolg der Molkerei Hamer. Hamer garantierte immer eine höhere Zahlung pro Fetteinheit und kg an die Lieferanten; dies galt bis zum letzten Tag.

Ab 1950  führte August Binnewies zusammen mit Else Hamer das Geschäft. August Binnewies plante bereits im Jahr 1959 einen Teilneubau neben dem Kesselhaus - leider verstarb er 1959 - daraufhin wurde das Bauvorhaben abgesagt.
Im selben Jahr gab es einen Großbrand in der alten Molkerei, der Dachstuhl brannte aus. Nach dem Brand wurde der Dachstuhl ausgebaut und bot Wohnungen für Mitarbeiter der Molkerei. Jutta Binnewies führte nach dem Tod ihres Mannes die Geschäfte weiter.

In den späten 1960er Jahren setzte in Deutschland eine Entwicklung ein, die weitreichende Konsequenzen für das Molkereiwesen hatte. Die vorhandenen kleinen, häufig schon um die Jahrhundertwende entstandenen Molkereien erwiesen sich zunehmend als zu klein. Diese Situation löste seit Beginn der 60er Jahre einen staatlich geförderten Konzentrationsprozess aus, der zu zahlreichen Betriebsübernahmen bzw. Stilllegungen führte.

In den Konditoreien, Bäckereien und Cafés im Ruhrgebiet wurde während der Zeit des Wirtschaftswunders viel Sahne verbraucht. Um diese vielen Abnehmer und deren Sahnehändler gab es eine große Konkurrenz. Sogar aus dem weit entfernten Niedersachsen kamen die Züge mit den 40-Liter-Kannen voller Sahne. Neben der schon erwähnten Konkurrenz im Ruhrgebiet gab es weitere Gründe für das Zusammengehen. Der Konzentrationsprozess in der Milchwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg zwang die Molkereien, Partner zu suchen. Dies traf besonders auf die Privatmolkereien zu. Auf sich alleine gestellt, hatten die kleineren Betriebe keine Chance, am Markt zu bestehen und mussten so mit Pleite und Schließung oder Übernahme in der nahen Zukunft rechnen.

Ein Grund für diesen Konzentrationsprozess war auch die Abschaffung des Reichsnährstandgesetzes. Dieses Gesetz kontrollierte bis 1969 die Absatz- und Einzugsgebiete für Milch. Es war noch ein Relikt aus Zeiten der Bewirtschaftung im und nach dem zweiten Weltkrieg. Nach Wegfall dieser festgelegten Absatz- und Einzugsgebiete konnten alle Produkte wieder frei verkauft werden, was größeren Molkereien einen Vorteil verschaffte. Ebenfalls konnte durch die Fusion das Verhältnis zu den Milchlieferanten, von denen eine Molkerei extrem abhängig war (und ist), weiter verbessert werden. Dies allein dadurch, dass eine größere, finanzkräftigere Firma eher in der Lage ist, höheres Milchgeld zu zahlen und vor allem zu garantieren. So fiel der Zukauf von Milch von nun an leichter. Die entstehenden Handelsketten forderten Zentralbelieferung. Der permanente Rohstoffmangel Milch war immer existentieller. Gleichzeitig fusionierten Mellendorf, Wunstdorf und Burgdorf und ermöglichen den Neubau der MAG in Isernhagen.  Während dieser Zeit deckte Hiddestorf die fehlende Milchmenge  bei der Genossenschaftsmolkerei in Hameln.

Anfang der 60er Jahre ging das Milchaufkommen im Calenberger Land zurück. Gleichzeitig wuchs der Absatz der Molkerei Hiddestorf.  Um die Rohstofflage zu sichern, wurde die Molkereigenossenschaft Jeinsen aufgekauft und ein Jahr später die Privatmolkerei Gestorf. In Jeinsen wurde noch bis Anfang der 60er Jahre produziert (bis zur Fertigstellung des Neubaus). Gestorf wurde gleich nach der Übernahme geschlossen.

Die Geschäftsführung führte eine neue Marktstrategie ein, rationalisierte die Distributionswege und erschloss neue Märkte. Der Umsatz mit Milchprodukten stieg rasant. Der Preiskampf rief den Genossenschaftsverband auf den Plan. Dieser untersagte der Molkerei Hameln seinen Rohstoff weiterhin an die Molkerei Hiddestorf zu liefern. Die „freie Marktwirtschaft“ steckte noch in den „Kinderschuhen“ in Deutschland. Daraufhin verteuerte sich der Rohstoff für die Molkerei Hiddestorf. Neue Bezugsquelle für den Rohstoff Milch wurde die Molkerei Drebler, ab 1976 die Molkerei Coppenbrügge.

Außer Butter musste auch die gesamte Voll- und Magermilch zu erhöhten Preisen (Berlinpreis) abgenommen werden. Ende 1976 sprang ein Großabnehmer, der Alli-Frischdienst ab. 1977 schloss sich die Molkerei Hiddestorf dem Frischli Verbund an. Neben Milch wurden vor allem verschiedene Sorten Joghurts produziert. Die Probleme jedoch blieben und führten schlussendlich zur Schließung der Molkerei im Laufe des Jahres 1978.

Die Gebäude wurden verpachtet und/oder verkauft. Die "neue Molkerei" wurde von einem Fertiggerichthersteller „CALENBERGER LANDMARKT GMBH“ übernommen. Später schloss auch dieser Betrieb. Die alte Molkerei wurde verkauft und zu Wohnungen umgebaut. Die Familie Binnewies verlegte ihren Wohnsitz nach Hannover. Der jüngste Sohn der Familie hat 1978  in Israel als Molkerei-Ingenieur angefangen, geheiratet und lebt seitdem dort. Die Stadt Hemmingen wandelte das Gewerbegebiet, auf dem die „neue Molkerei“ stand, in ein bebauungsfähiges Wohngebiet um. Hier sollen einmal Wohnhäuser entstehen.

Molkerei 1936 - Die Belegschaft

Belegschaft von 1936 (v.r.) Herr Voges, Frau Frieda Wissel

Butterei 1936

Butterei 1936

Molkerei Gustav Hamer

Während des 2. Weltkriegs wurde die Molkerei in Richtung Ohlendorf erweitert, was man an den zusätzlichen Fenstern und dem zweiten Eingang erkennen kann.

Die 2. Erweiterung in Richtung der Dorfmitte erfolgte Mitte der fünfziger Jahre und endete 1957 mit der neuen Haustür (ganz links), dem Bau der Leerguthalle (Richtung Hof) und dem Wohnungsausbau für Frau Binnewies. Das Kesselhaus mit Schornstein auf der anderen Landwehrseite wurde erst nach Kriegsende gebaut.

Molkerei  Hiddestorf - Milchkutsche von Heirich Wulkopf

Milchkutsche von Landwirt Heinrich Wulkopf jun.

1962 begann man den bereits schon zu Zeiten August Binnewies geplanten Erweiterungsbau auf der grünen Wiese als kompletten Neubau zu realisieren. Mit der Fertigstellung wurde das alte Gebäude zum Verpackungslager - die neue Produktionsstätte wurde im Herbst 1964 bezogen. Maschinen aus Jeinsen sowie aus dem Altbau fanden eine neue Heimat. Durch den Neubau wurde die Produktpalette um Joghurt und Dessertprodukte erweitert. Zu Spitzenzeiten wurden
250.000 Verpackungseinheiten pro Tag hergestellt.

Molkerei Hiddestorf Belegschaft

Die Belegschaft - rechts aussen stehend Gustav Hamer, dritte von links stehend Else Hamer

Molkerei Hiddestorf

Molkerei Hiddestorf

Molkerei Hiddestorf Produktionsanlagen

Abfüllanlage Molkerei Hiddestorf

Milchabfüllanlage neue Molkerei 1972

Abfüllanlage Molkerei Hiddestorf 1972

Molkerei Hiddestorf 1974 - Milchanlieferung

Molkerei Hiddestorf 1974 - Milchanlieferung durch Heinrich Wulkopf jun.

Milchanlieferung Heinrich Wulkopf mit Familie Binnewies 1955

Heinrich Wulkopf jun. mit August Binnewies und seinen  beiden Söhnen 1955

Molkerei Hamer Poststempel 1967
Molkerei 1976 aus der Luft

Molkerei 1976

Molkerei-Neubau vom Wiesenweg aus gesehen

Bau der neuen Molkerei vom Wiesenweg aus gesehen

Blick auf die alte Molkerei vom Wiesenweg aus gesehen

Blick auf die alte Molkerei vom Wiesenweg aus gesehen